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Karma »Der Morgen kam und ging … er kam und brachte keinen Tag …« Tränen treten in meine Augen. Verdammter Byron! Seine Worte schleichen sich in mein Herz, wenn ich am schwächsten bin. Nicht, dass ich süchtig nach Gedichten wäre, aber Worte sind meine Schwäche. Sie sind der einzige Trost, den ich habe. An ihnen kann ich mich halten, wenn alles andere in der Welt nicht stimmt. Sie sind da – freundlich, beständig und mit offenen Armen. Das spezielle Gedicht hat sich in meinem Blut festgesetzt, kroch in meinen Bauch, als ich es zum ersten Mal las. Die Dunkelheit lebt in mir zusammengefaltet wie eine heimtückische Schlange, die ihren Kopf hebt, wenn ich es am wenigsten erwarte. So wie jetzt, während ich vom grasbewachsenen Abhang des Waterlow Park auf die noch schlafende Stadt London blicke. Irgendwo da draußen macht die Mafia Jagd auf mich. Deshalb haben meine Schwester Summer und ihr neuer Mann Sinclair Sterling darauf bestanden, dass ich mein eigenes Sicherheitsteam erhalte. Ich willigte ein … um sie zu besänftigen … und dann heute Morgen meinem Bodyguard den Laufpass zu geben. Ich bin hier, weil ich normalerweise nicht herkomme – jedenfalls nicht so früh am Morgen. Hier werden sie nicht nach mir suchen – zumindest nicht so schnell. Ich kneife die Lippen zusammen, schließe meine Augen. Stille. Das Rascheln des Windes in den Blättern. Das schwache Plätschern des Wassers der nahen Quelle. Ich könnte der letzte Mensch auf diesem Planeten sein – allein, unbesungen, auf dem Weg in mein Grab. Stopp! Halt! Genau hier. Ich fahre mir mit dem Handrücken über die Nase. Versuche es noch einmal, konzentriere mich, bringe die Worte heraus, eins nach dem anderen wie Schritte meines traurigen Lebens. »Der Morgen kam und ging und kam und … und …« Meine Stimme bricht. »Verdammter Must!« Ich kralle meine Finger ins Gras, nehme eine Handvoll und schleudere sie von mir weg. Noch einmal. Von ganz oben. »Der Morgen kam und ging und kam und …« »… brachte keinen Tag.« Eine raue Stimme vervollständigt meinen Satz. Ich drehe meinen Kopf. Seine Silhouette füllt mein Blickfeld aus. Er sitzt auf der gleichen Anhöhe wie ich, doch ich muss meinen Hals verrenken, um sein Profil zu erkennen. Die Sonne steht in seinem Rücken, sodass ich seine Gesichtszüge nicht erkennen kann. Ich kann seine Augen nicht sehen … nur sein dunkles Haar, das von einer unbarmherzigen Hand, die kein Maß kennt, zurückgekämmt wurde. Meine Kehle wird trocken. Dickes dunkles Haar, an den Schläfen von Grau durchzogen. Er trägt sein Alter wie ein Abzeichen. Ich weiß nicht, warum, aber ich ahne, dass seine Jahre nicht einfach waren. Dass er viel gesehen hat, sich viel gegönnt und an den Folgen seiner Handlungen erfreut hat, wie extrem sie auch immer gewesen sein mögen. Er ist kein normaler, gewöhnlicher Mensch – dieser Mann. Er arbeitet nicht von morgens bis abends, er führt kein durchschnittliches Leben und ist schon gar kein Mann, der am Ende des Tages zu Frau und Haus zurückkehrt. Er ist … anders, einzigartig, böse … monströs. Ja, er ist eine Bestie – eine, die das Gesicht eines Mannes trägt, aber in ihrem Inneren die Art von Dunkelheit beherbergt, die mich anspricht. Ich schlucke. Eine dominante Nase prangt in seinem Gesicht, eine dünne Oberlippe, eine volle Unterlippe – eine, die verborgene Begierden andeutet, Hitze und Lust. Da ist die Vorstellung davon, wie dieser bärtige Kiefer über mich gleitet. Über die Innenseite bis zu dem in mir, das pocht, sich zusammenzieht, schmilzt, um seine Zunge zu spüren, und mich zu seiner macht. Eine Gänsehaut prickelt auf meiner Haut. Ich lenke meinen Blick von seinem Mund auf die Narbe, die sich quer über seinen Hals zieht. Ein kaltes Gefühl macht sich in meiner Brust breit. Wer oder was hat ihn auf so grausame Weise verletzt? »… fühlten sich im Stich gelassen, vergaßen ihre Leidenschaften. Herzen gefroren, frönten dem Gebet um Licht …«, fährt er in diesem rasselnden, kehligen Ton fort. Ist es die Wunde unter der Narbe, die seine Stimme so … kiesig … so tief … so … heiß macht? Schweiß perlt auf meinen Handflächen, und die Haare in meinem Nacken stellen sich auf. »Wer bist du?« Er starrt vor sich hin, während seine sich Lippen bewegen. »Die Wälder brannten, schwanden Stund um Stund, zerfielen, Stümpfe knisterten, erloschen, ein letztes Knirschen … und alles war schwarz.« Ich schlucke, Hitze sammelt sich in meinem Inneren. Wie kann ich durch die bloße Kadenz der Stimme dieses Fremden so werden? Ich springe auf meine Füße. »Setz dich!«, befiehlt er. Seine Stimme ist ruhig, beinahe träge, sein Rückgrat aufrecht. Seine schwarze Jacke spannt über der Breite seiner massiven Schultern. Sein Haar … ich habe mich geirrt – zwischen der Dunkelheit, die sich bis in den Nacken ergießt, sind Fäden aus dunklem Gold verwoben. Eine Haarsträhne fällt ihm in die Stirn. Ich starre sie an. Dann streicht er sie weg. Irgendwie verleiht ihm diese Geste einen Hauch von Verletzlichkeit. Etwas, das so sehr im Widerspruch zum Rest seiner Persönlichkeit steht, dass ich mich sicherlich täusche. Meine Kopfhaut juckt. Ich atme ein und meine Lunge brennt. Dieser Mann … Er hat den gesamten Sauerstoff in diesem offenen Bereich aufgesaugt, als gehöre er ihm, als sei er der Herr über alles. Herr über mich. Über meinen Tod. Mein Leben. Ein Schauer läuft mir über den Rücken. Geh weg, geh jetzt weg, solange du noch kannst. Ich richte meinen Körper auf, bereit, von ihm davonzulaufen. »Ich werde nicht noch einmal bitten.« Bitten. Befehlen. Mich zwingen, zu tun, was er will. Er wird mich auf den Rücken, auf die Seite, auf die Knie, über ihn, unter ihn zwingen. Er könnte mich umzingeln, mich überwältigen, mich mit der Kraft seiner Persönlichkeit festhalten. Sein Charisma, sein überlebensgroßes Wesen könnte alles andere aus mir herausquetschen und ich … ich würde es lieben. »Nein.« »Doch!« Eine Tatsache. Eine Absichtserklärung, laut ausgesprochen. So wahr. So echt. Zu echt. Zu sehr. Zu schnell. All meine Albträume … meine Träume werden lebendig. Alles, was ich will, befindet sich hier vor mir. Ich werde tausend Tode sterben, bevor er mit mir fertig ist … Und dann? Werde ich wiedergeboren? Für ihn. Für mich. Für mich selbst. Ich lebe vor allem, um die Frau zu sein, die ich bin … die ich sein soll. »Willst du weglaufen?« Nein. Nein. Ich nicke. Er sieht mich an und alle Luft verlässt meine Lunge. Blaue Augen – tiefblau, dunkel wie der Morgenhimmel, tief wie die Nacht … verborgene Ecken, Geheimnisse, die ich nicht zu lüften wage. Er wird mich zerstören, mein Herz haben und es beiläufig brechen. Meine Kehle brennt und ein kochendes Gefühl drückt auf meine Brust. »Dann geh, meine Schöne, flieg! Du hast Zeit, bis ich bis fünf zähle. Wenn ich dich fange, gehörst du mir.« »Und wenn nicht?« »Dann werde ich dich verfolgen, dich in jedem Augenblick deines Lebens verfolgen, von deinen Albträumen Besitz ergreifen und dich mitten in der Nacht entführen, und dann …« Ich atme zitternd ein, während flüssige Hitze zwischen meinen Beinen entsteht. »Und dann?«, flüstere ich. »Dann werde ich dafür sorgen, dass du nie wieder jemandem gehörst, dass du nie wieder das Licht der Welt erblickst, denn jeder Atemzug, jede wache Sekunde, deine Gedanken, deine Taten … und alle deine Worte, jedes einzelne, werden mir gehören.« Er schürzt seine Lippen und seine Zähne glitzern im ersten Morgenlicht. »Nur mir.« Er richtet sich auf und wird größer und größer. Dieser Mann … Er ist gewaltig. Ein Ungeheuer, das immer seinen Willen bekommt. Meine Eingeweide kribbeln. Meine Zehen krümmen sich. Etwas Urzeitliches in mir besteht darauf, dass ich mich wehre. Ich darf ihm nicht nachgeben. Ich darf ihn nicht gewinnen lassen, was auch immer es wäre. Ich muss meinen Standpunkt klarmachen, in irgendeiner Form. Sag etwas! Irgendetwas. Zeig ihm, dass du keine Angst hast! »Warum?« Ich lehne meinen Kopf zurück, weit nach hinten. »Warum sagst du das?« Er legt den Kopf schief, seine Ohren heben sich von seinem Profil ab. »Tust du es, weil du es kannst? Ist es eine … eine«, ich blinzle, »irgendeine Schuld?« Er schweigt. »Mein Vater … es geht darum, dass er die Mafia verraten hat, richtig? Du bist einer von ihnen?« »Gut geraten.« Seine Lippen verziehen sich. »Es geht um deinen Vater und dass er dich mir versprochen hat. Er hat sein Versprechen gebrochen, und jetzt bin ich hier, um es einzulösen.« »Nein.« Ich schlucke hart … Nein, nein, nein. »Doch.« Sein Kiefer verhärtet sich. Jegliche Mimik ist aus seinem Gesicht gewischt, und da weiß ich, dass er die Wahrheit sagt. Es geht immer um die Vergangenheit. Mein trauriger Scherbenhaufen einer Vergangenheit … Warum holt sie mich immer wieder ein? Du kannst weglaufen, aber du wirst dich nie verstecken können. »Tick-tack, Schönheit.« Er bewegt sich und seine Schultern versperren den Blick auf die Sonne, den Morgenhimmel, den Horizont, die Stadt in der Ferne, das Murmeln des Grases, die Bäume, das Rascheln der Blätter. All das verblasst und lässt nur mich und ihn übrig. Uns. Lauf! »Fünf.« Er ruckt mit dem Kinn, krempelt die Manschetten seiner Ärmel auf. Meine Knie zittern. »Vier.« Mein Puls beschleunigt sich. Ich sollte rennen. Davonlaufen. Aber meine Füße sind in der Erde verankert. In diesem Stück Land, auf dem wir uns zum ersten Mal trafen. Was bin ich, nur ein Teil im großen Plan der Dinge? Um verletzt zu werden. Um vergessen zu werden. Um genommen zu werden, ohne eine Unze Vergeltung zu erhalten. Um bestraft zu werden … von ihm. »Drei.« Er streckt seine Brust heraus, verbreitert seine Statur, jeder Muskel in seinem Körper wirkt entspannt. »Zwei.« Ich schlucke. Der Puls pocht an meinen Schläfen. Mein Blut pulsiert. »Eins.« Kostenlos mit Kindle Unlimited => https://readerlinks.com/l/3313935
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